Gewinnen ohne zu siegen – die Kunst der Dialektik

Führungskräfte brauchen Techniken, um Menschen anleiten zu können. Für Managertrainer Dr. Rupert Lay ist die Dialektik eine der grundlegendsten.

„Dialektik ist die Kunst zu gewinnen ohne zu siegen.“ Wer bei der Dialektik unterliegt, ist nicht besiegt, gedemütigt oder erniedrigt. Diese Prämisse kann zu einem wichtigen Leitsatz für Führungskräfte werden, die nicht ihre Person hervorheben, sondern das Potenzial ihrer Mitarbeiter freisetzen wollen. Dialektik ist nicht Kampf, sie ist Spiel. Ihr Ziel ist nicht Manipulation, sondern der gemeinsame Nutzen.

Dialektik: Das Geheimnis erfolgreichen und menschlichen Führens

Dialektik ist keine Methode. Sie ist etwas Alltägliches und Menschliches. Richtig lernen kann man sie nicht, sagt der Philosoph und Managertrainer Dr. Rupert Lay in seinem Buch „Führen durch das Wort“. Wer aber aufmerksam durchs Leben gehe, der könne sehen lernen und Gesetzmäßigkeiten entdecken, denen menschliches Handeln unterworfen ist. Danach ließe sich wacher, erfolgreicher und menschlicher agieren und entscheiden, so Lay.

Dialektik ist die Betrachtung des Raumes zwischen den Polen

Was lässt sich Dialektik noch beschreiben? Alle menschliche Erfahrung bewegt sich zwischen zwei Polen: Freude ist ohne Leid nicht erfahrbar. Glaube existiert nur, wo auch Unglaube ist. Und wer Glück hat, kennt auch Unglück. Unmöglich, nur das Eine oder nur das Andere zu leben. Dabei geht es hier nicht um die zwei Seiten einer Medaille. Es geht um den Raum zwischen den Prägeseiten, es geht um das „Dazwischen“ schlechthin. Menschen sind ganz und gar Wesen des „Dazwischen“. Wer also Dialektik lernen will, muss lernen, „dazwischen zu sehen“.

Ein Dialektiker muss erkennen: Der Mensch ist nicht das Maß der Dinge

Eigenes Denken und Handeln in Frage zu stellen gehört nicht zu den Stärken des Menschen. „Erkenne dich selbst!“ stand deshalb schon in der Antike über dem Apollotempel des Orkakels von Delphi. Und von Sokrates (470-399 v. Chr.) stammt der Ausspruch: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“. Rupert Lay schlägt eine Brücke von antiken Weisheiten zur heutigen Zeit: Wir sind niemals ganz wir selbst, fasst er zusammen, sondern wir verändern uns ständig. Wir wissen nie mit letzter Gültigkeit, was wir sind. Bilden wir es uns ein, kommt es in der Folge zu Unmenschlichkeiten.

Dialektik setzt Selbsterkenntnis zwingend voraus

Unser Ziel sollte sein, nicht stehen zu bleiben oder sich zu setzen, sondern fortzuschreiten und Selbsterkenntnis anzustreben. Denn diese sei „zwingende Grundlage jeder Dialektik“, wie Lay sagt. „Ein Dialektiker, der sich selbst nicht erkennt oder erkennen will, denunziert nicht nur sich selbst als Scharlatan in Sachen Dialektik, sondern auch seine Dialektik als Torheit.“

Die inneren Gegensätze des Menschen lassen sich sprachlich bestimmen

Um den Menschen und seine Sache mit den Mitteln der Sprache bestimmen zu können, benutzten die Anhänger der Lehre Platons (427-347 v. Chr.) sogenannte „Begriffsfelder“. Das bedeutet: Der einzelne Mensch ist nur in dialektischen Gegensatzfeldern zu verstehen. „Wer sich oder einen anderen Menschen begrifflich festmacht, hat ihn verloren“, resümiert der Philosoph.

Dialektik: Vorgesetzte und Untergebene bilden eine Einheit auf Zeit

Vorgesetzte, die nach den Gesetzen der Dialektik führen wollen, müssen die Grenze zwischen sich und Untergebenen verschwimmen lassen. Dadurch bildet sich eine menschliche Einheit auf Zeit. Der Führende muss sich befähigen, sich selbst hinter den anderen und auch hinter die die Sache zurückstellen zu können. Dialektik ist eine Technik. Wer führen will, muss diese Technik beherrschen. Anderfalls, so Rupert Lays Überzeugung, werde das Führen nicht unproblematisch sein.

Zur Person: Rupert Lay

Dr. Rupert Lay (Prof. em.), geboren 14. Juni 1929, Jesuit, studierte Philosophie, Theologie, theoretische Physik und Psychologie sowie Betriebswirtschaftsehre. Er hat über 40 Bücher geschrieben, darunter Bestseller wie „Dialektik für Manager“ (1974), „Manipulation durch Sprache“ (1977), „Ethik für Manager“ (1989) und „Die Macht der Unmoral“ (1993). Seine Seminare zu den Themen Management und Unternehmensethik sind bei Führungskräften nach wie vor begehrt.

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