Der Kleine Tyrann rezension – Kleine Tyrannen als neuer Sozialisationstyp?

Die sozialwissenschaftlichen Thesen von Winterhoff und Ziehe. Ähnliche Analysen für Verhaltensweisen Jugendlicher bieten der Psychotherapeut Michael Winterhoff und der Pädagoge Thomas Ziehe – im Zeitabstand von einer Generation.

Der Arzt und Psychotherapeut Michael Winterhoff, Geburtsjahrgang 1955, hat sich als Sachbuchautor über Kinder als „kleine Tyrannen“ einen Namen gemacht. Der Sozialwissenschaftler und Pädagogik-Professor Thomas Ziehe, Geburtsjahrgang 1947, machte mit einer ähnlichen Thematik in den 1970-er Jahren von sich reden: Er sah in den damaligen Kindern und Jugendlichen einen „neuen Sozialisationstyp“ entstehen. Obwohl keine der beiden Thesen durch empirische Studien wissenschaftlich abgesichert ist und sich beide eher auf anekdotische Einzelfälle als auf repräsentative Untersuchungen abstützen, stimmen ihre Aussagen mit den Alltagsbeobachtungen von Eltern und Lehrkräften vielfach überein und wirken daher plausibel.

Winterhoff: Zwei- bis fünfjährige Seelen in erwachsenen Körpern

In Veröffentlichungen vertritt Winterhoff die These, dass die Gesellschaft seit etwa 20 Jahren immer mehr Kinder hervorbringe, denen die psychische Reife fehle. Diese Kinder seien zwar nicht psychisch krank, aber gestört. Ihr Verhalten sei auffällig und gehe vielfach in dieselbe Richtung, was darauf hindeute, dass man es mit einem gesellschaftsweiten Problem zu tun habe. Viele wirkten respektlos und aggressiv. Die Mehrzahl dieser Kinder komme aus intakten Familien, erklärte Winterhoff in der Juliausgabe 2008 der Zeitschrift „Psychologie heute“.

Vor 15 Jahren hätten die meisten kindlichen Patienten in psychotherapeutischen Praxen eine altersgemäße psychische Reife mitgebracht. „Ein dreijähriges Kind sollte in der Lage sein, zwischen sich und einem Gegenüber zu unterscheiden“, erläutert der Psychotherapeut in einem Interview in der Frankfurter Rundschau vom 19. März 2009, was er darunter versteht, „nur dann ist es psychisch gut entwickelt. Legt ein solches Kind ein Fehlverhalten an den Tag und die Eltern fordern das Kind verbal, mimisch und mit Gesten eindeutig dazu auf, dieses Verhalten zu unterlassen, dann stellt es dieses Verhalten sofort ein.“

Winterhoff vertritt die Auffassung, dass von 1965 bis 1990 eine erfolgreiche Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zu beobachten gewesen sei. Es sei „tragisch für ganze Kindergenerationen, dass man Freud und Co. in die Mottenkiste“ geräumt habe, erklärt er in einem Gespräch mit dem „Schulspiegel“, einer Veröffentlichung der Schulen aus Ruswil (Schweiz). Freuds Phasenmodell lasse sich durch aktuelle neurobiologische Erkenntnisse stützen.

Winterhoffs These besteht darin, dass viele Kinder nach 1990 die narzisstische Phase nicht abschließen konnten, weil ihre Eltern sie nicht als Kinder sehen: „Solche Eltern – nicht nur die Mütter – entwickeln eine symbiotische Beziehung zu ihren Kindern,“ sagt er in dem „Schulspiegel“-Interview. „Das kindliche Glück ist die letzte Perspektive, die ihnen noch bleibt in der diffusen Welt; der letzte Sinn. Diese Projektion aber führt zur Machtumkehr innerhalb der Familie.“

Das Kind lernt nicht, seine Allmachtsphantasien zu unterdrücken und seine Bedürfnisse zu verschieben, weil es nicht gelernt hat, dass die Ablösung aus der Symbiose mit Mutter oder Vater zu einer neuen, eher auf Gegenseitigkeit aufbauenden Beziehung führen kann. Damit behält es aber auch die Verhaltensweisen Zwei- bis Fünfjähriger bei: Es schreit und zetert, strampelt und schlägt um sich. Im schlimmsten Fall läuft es Amok – denn seine Fähigkeiten und Fertigkeiten entsprechen denen seiner 15- oder 25-jährigen Altersgenossen, seine Seele aber ist nicht mitgewachsen.

Freud: das Phasenmodell der psychosexuellen Entwicklung

Zur Erinnerung: Freuds Phasenmodell beginnt mit der oralen Phase, in der das Kind alles in den Mund steckt und dabei das so genannte Urvertrauen aufbaut. Diese Phase dauert bis zum sechsten Lebensmonat und geht in die narzisstische Phase über, in der das Kind die Lust am eigenen Körper entdeckt und eine Liebe zu sich selbst entwickelt, die als primärer Narzissmus bezeichnet wird. Sie dauert bis zum zweiten Lebensjahr.

Wenn dieser Entwicklungsschritt misslingt, haben die Betroffenen als Erwachsene ein zu niedriges Selbstvertrauen, vielleicht sogar Depressionen. Es folgt die anale Phase (zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr), in der das Kind während der Sauberkeitserziehung lernt, Bedürfnisse zu regulieren und zu unterdrücken.

Bis zum fünften Lebensjahr schließt sich daran die phallische oder ödipale Phase an, in der sich das Kind mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil identifiziert und seine Geschlechtsrolle erwirbt. In dieser Phase begehrt das Kind den gegengeschlechtlichen Elternteil. Misslingt sie, so fällt es dem erwachsen gewordenen Menschen schwer, sich von diesem Elternteil zu lösen.

Weniger bedeutend für die hier beschriebenen Thesen sind die Latenzperiode vom fünften bis zum elften Lebensjahr und die genitale Phase ab dem elften Lebensjahr – nach Winterhoff und Ziehe finden sie bei den betroffenen Kindern und Jugendlichen nämlich gar nicht statt.

Ziehe: Selbstverliebtheit als Kennzeichen einer Generation

Auch der Sozialwissenschaftler und Pädagoge Thomas Ziehe (Geburtsjahrgang 1947) bezieht sich in seiner These vom Narzissten als neuem Sozialisationstyp auf das Freudsche Phasenmodell. Ähnlich wie Winterhoff – und mit ebenso wenig empirischen Belegen – stellte er 1975 in seinem Buch „Pubertät und Narzißmus“ fest, dass bis zu einem bestimmten Datum die Sozialisation unauffällig gewesen sei, die Freudschen Phasen also abgeschlossen wurden, aber ab diesem Datum eine bedenklich größere Zahl von Kindern und Jugendlichen in der narzisstischen Phase steckenblieben.

Anders als für Winterhoff ist für Ziehe allerdings das Bezugsdatum: Nicht die politische Wende von 1990 nimmt er als Zäsur an, sondern den Übergang von der Nachkriegs- zur Wirtschaftswunderkindheit, einen Übergang, den er spätestens um 1960 als verwirklicht ansieht . Die narzisstische Störung beträfe also, grob gesagt, die Elterngeneration der Winterhoffschen Mini-Tyrannen.

Das beobachtete Verhalten der Betroffenen ist weitgehend identisch: Sie können ihre Allmachtsphantasien nicht unterdrücken, sind unruhig, zappelig und respektlos, können Bedürfnisse nicht verschieben und sich nicht auf das Erlernen sachbezogener Inhalte konzentrieren.

Sokrates: Die Jugend von heute hat schlechte Manieren

Verblüffend: Ähnliche Beobachtungen werden bekanntlich schon Sokrates zugeschrieben: „Die Kinder von heute“, soll er einmal geäußert haben, „sind Tyrannen. Sie widersprechen ihren Eltern, kleckern mit dem Essen und ärgern ihre Lehrer.“ Und an anderer Stelle: „Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität.“

Dass der griechische Philosoph, der 399 v. Chr. starb, die Sage vom schönen Jüngling Narziss gekannt hat, die uns unter anderem durch Ovid (um 20 v.Chr.) überliefert wurde, ist nicht ganz auszuschließen. Mit Freuds Phasenmodell konnte er seine Beobachtungen freilich aus gegebenem Zeitabstand nicht zusammenbringen.

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