Medikamente in der Schwangerschaft

Die Angst vor Auswirkungen auf das Ungeborene ist groß. Fast alle Krankenhäuser bieten Beratung an, wenn trotz Schwangerschaft Medikamente eingenommen werden müssen. Ein Interview mit Prof. Dr. Martin Ulm vom Wiener AKH.

Die reproduktionstoxikologische Beratungsstelle am Wiener AKH bietet Hilfe an, wenn eine Frau in der Frühphase ihrer Schwangerschaft Medikamente eingenommen hat und verunsichert ist – wie geht das vor sich?

Ulm: 70 Prozent aller Frauen nehmen in der Frühschwangerschaft Medikamente ein, das ist eine enorme Zahl. Wenn die Schwangerschaft dann festgestellt wird, ist die Angst groß: Habe ich dem Embryo geschadet? In einem solchen Fall und während des ersten Trimenons macht es Sinn, sich in der Reproduktionstoxikologischen Beratungsstelle vorzustellen. Die Patientinnen melden sich an und müssen drei wichtige Fragen beantworten: Was wurde eingenommen? Wann wurde es eingenommen, und wie lange wurde das Medikament eingenommen? Wir starten dann eine weltweite Datenbanksuche, in der sich Informationen zu nahezu allen Medikamenten finden, um eine eventuelle Gefährlichkeit festzustellen. So eine Beratung hat allerdings nur dann Sinn, wenn sie während der ersten drei Monate der Schwangerschaft stattfindet, weil nur in dieser Zeit ein Schwangerschaftsabbruch vorgenommen werden kann, sollte dies notwendig sein.

Wie viele Beratungen führen Sie pro Jahr durch?

Ulm: Etwa 200, und nur in drei bis vier Fällen müssen wir sagen: Hier besteht ein konkretes Missbildungsrisiko. Am häufigsten sind das Frauen, die Retinoide, zur Aknebehandlung, eingesetzt haben. Das Fehlbildungsrisiko liegt bei Retinoiden bei 50 Prozent. Das sind dann sehr schwere Gespräche! Wir retten aber auch sehr vielen Kindern das Leben, weil wir die werdenden Mütter in den meisten Fällen beruhigen können und die Schwangerschaft nicht abgebrochen wird.

Was ist bei chronischen Erkrankungen zu tun, die einer Dauertherapie bedürfen – etwa beim Typ II-Diabetes?

Ulm: Liegt ein Typ 2-Diabetes vor, stellen wir von oralen Antidiabetika auf Insulin um. Eine exakte Einstellung ist sehr wichtig, das Fehlbildungsrisiko bei Diabetikerinnen ist erhöht.

Bluthochdruck ist ebenfalls eine „Volkskrankheit“ – was tut man da in der Schwangerschaft?

Ulm: Der erste Behandlungsschritt ist die Verordnung einer Bewegungstherapie. Diese und der dosierte Einsatz von Antihypertensiva erlauben uns eine gute Blutdruckeinstellung während der Schwangerschaft.

60 Prozent aller Schwangeren erkranken an einer Pilzinfektion – wie ist die zu behandeln?

Ulm: Die Behandlung erfolgt mit lokaler Anwendung von Antimykotika. Es gibt keine lokale Therapie, die für den Feten eine Gefahr darstellt. Von einer systemischen Therapie sollte man Abstand nehmen, obwohl mir bis jetzt kein Fall bekannt ist, in dem ein solches Medikament teratogen gewirkt hat. Nach der lokalen Behandlung mit Zäpfchen und Salben sollte noch eine Döderlein-Kur gemacht werden, um den PH-Wert in der Scheide wieder so herzustellen, dass ein Pilz keine Chance mehr hat. Die ausreichende Behandlung einer Pilzinfektion ist extrem wichtig, um das Kind während der Geburt keinem Infektionsrisiko auszusetzen.

Was tun bei Schmerzen in der Schwangerschaft?

Ulm: Es gibt gute Schmerzmittel, die in jedem Stadium der Schwangerschaft eingenommen werden können. Es ist daher zu keinem Zeitpunkt notwendig, Schmerzen zu haben. Ein häufiges Beispiel sind etwa Kopfschmerzen, dagegen hilft Paracetamol sehr gut. Sehr oft sind während einer Schwangerschaft auch zahnärztliche Eingriffe nötig, hier spricht nichts gegen ein Lokalanästhetikum, weil das – nomen est omen – eben nur lokal wirkt und keinen Einfluss auf den Feten nimmt. Auch starke Schmerzen können wir mit Morphinderivaten behandeln, die beim Kind nach der Geburt keine Atemdepression auslösen.

Wie gefährlich sind rezeptfreie Medikamente?

Ulm: Ich kenne keines, das ein wirklich großes Gefahrenpotenzial aufweist. Was man rezeptfrei in der Apotheke bekommt, kann als sicher bezeichnet werden. Ich kenne keinen einzigen Fall, in dem ein rezeptfreies Medikament eine Indikation für einen Schwangerschaftsabbruch gewesen wäre.

Was raten Sie Ihren niedergelassenen KollegInnen, die Schwangere betreuen und mit deren Ängsten vor Medikamenten konfrontiert sind?

Ulm: Zum ersten würde ich raten, die Frauen zu beruhigen, sehr viele Medikamente – das wissen wir aus retrospektiven Daten – schaden dem Ungeborenen nicht. Zudem haben die meisten Gynäkologen ein Repertoire an Medikamenten, mit denen sie 80 Prozent aller Probleme lösen können. Und bei den 20 Prozent, wo es Probleme geben kann, würde ich ein Literaturstudium anraten – oder den Anruf in der nächsten Reproduktionstoxikologischen Beratungsstelle.

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