Was sind eigentlich Dioxine?

Durch den Futtermittel-Skandal ist Dioxin „in aller Munde“ – hoffentlich mehr metaphorisch als wörtlich. Doch von welcher Art Gift sprechen wir eigentlich?

„Januar 2010… Ein Gespenst geht um in Deutschland – das Gespenst des Giftes Dioxin. Nahezu alle Gewalten unseres Landes haben zur Jagd auf den Killer geblasen: Die Politik und die Medien, die Umweltschützer und die Lebensmittelämter, die Landwirte und die Fleischindustrie.“ Karl Marx kommt einem in den Sinn, wenn man den vereinigten Aufschrei aller Betroffenen auf den Futtermittelskandal von Uetersen Revue passieren lässt.

Denn Dioxin, heißt es unisono, habe in unserer Nahrung nichts zu suchen. Es sei tückisch, weil unsichtbar, geruchs- und geschmacklos. Doch sei es hochgiftig und könne Krebs auslösen. Dies alles ist durchaus richtig und Vorsicht angebracht. Doch viele Kommentatoren machen einen kleinen, aber entscheidenden Fehler: denn „das Dioxin“ gibt es nicht.

Benzol und andere Kohlenwasserstoffe

„Dioxine“ ist eine Sammelbezeichnung für chemische Verbindungen, die eigentlich korrekt „polychlorierte dibenzo-p-Dioxine“ heißen – und so kompliziert gestrickt sind, wie sie heißen. „Dioxin“ an sich ist ein Produkt aus Sauerstoff und dem zweiwertigen Alkohol „Ethendiol“. Reagiert dieses Gemisch mit Benzol, so entsteht „Dibenzodioxin“.

Benzol bezeichnet diverse Kohlenwasserstoff-Verbindungen, die durch chemische Prozesse freigesetzt werden – zum Beispiel überall dort, wo fossile Energieträger (Braunkohle, Steinkohle, Erdöl) veredelt und ihre löslichen Bestandteile (darum heißen sie ja Kohlenwasserstoffe!) weiter verarbeitet werden: Etwa in einer Kokerei – wo der Steinkohle diese Stoffe entzogen werden, im Hydrierwerk (wo aus Kohlenwasserstoff Treibstoff u.ä. produziert wird) oder in der Kohlechemie. Nicht umsonst haben sowohl das Ruhrgebiet als auch die Braunkohlestädte der neuen Bundesländer bis heute mit den Spätfolgen dieser Wirtschaft zu kämpfen.

Denn Benzol ist potentiell krebserregend und kann noch einigen anderen äußerst unangenehmen Krankheiten Vorschub leisten. Deshalb ist Benzol als Lösungsmittel in Deutschland strikt verboten und seine Verwendung in Kraftstoffen auf 1% reduziert. Früher war der Benzol-Anteil viel höher. So verdankt zum Beispiel „ARAL“ seinen Namen den „Aromaten“, sprich Benzol, das aus der Steinkohle diverser Ruhrgebiets-Bergwerke gewonnen worden war.

Im Grunde darf Benzol nur noch bei ganz bestimmten Industrie-Chemikalien eingesetzt werden. Leider aber entsteht Benzol viel häufiger als unerwünschtes Abfallprodukt chemischer Prozesse, was sich per se leider nicht verhindern lässt. Etwa auch bei der Treibstoffgewinnung aus diversen unterschiedlichen Fetten (sog. Biodiesel). Die mit Dioxin belasteten Fettrückstände gelangten statt zu ihrer weiteren chemischen Verwendung in Tierfutter – dies war der Anfang des jetzigen Dioxin-Skandals.

Tödlicher Katalysator. Chlor

Dass Chlor giftig ist, haben wir sicherlich alle im Chemie-Unterricht gelernt. Chlor kennen wir als Desinfektionsmittel im Schwimmbad (aus dem Trinkwasser ist es längst verschwunden) und als Kampfgas im Ersten Weltkrieg. In der Natur kommt es in Reinform gar nicht vor, denn Chlor reagiert mit nahezu allen chemischen Substanzen, freilich mit den unterschiedlichsten Ergebnissen. Das Reaktionsprodukt mit Natrium haben wir jeden Tag im Mund – Natriumchlorid, sprich Kochsalz.

Doch in Verbindung mit dem oben erklärten Benzol-Dioxin-Gemisch zeigt Chlor seine hässliche Seite. An diese Verbindung können sich nämlich gleich mehrere Chloratome anlagern und dadurch ihre giftige Wirkung potenzieren. Wer jemals Chlorwasser in die Augen gekriegt hat, der kann sich vorstellen, wie unser Organismus auf das „gebündelte“ Chlor-Benzol-Gemisch reagiert.

Die Medienkarriere der Dioxine: Vietnam, Seveso und Ascheplätze

Erstmals wurden Dioxine der breiten Öffentlichkeit bekannt, als die USA im Vietnamkrieg ein „Entlaubungsmittel“ einsetzten, damit der Feind sich nicht länger im Dschungel unsichtbar machen konnte. „Agent Orange“ hieß das militärische Wundermittel, dass sowohl Vietnamesen als auch die eigenen Soldaten krank machte.

Im Jahre 1976 explodierte in einer Chemiefabrik der italienischen Stadt Seveso ein Ventil, und eine bis heute nicht eruierte Menge reines Tatra-Chlor-Dibenzodioxin (TCDD) verseuchte binnen weniger Minuten die ganze Stadt. Bis heute leiden die Betroffenen und ihre Kinder an Haut- und Lungenkrankheiten, Schilddrüsenstörungen – und Krebs.

Ende der 1980er Jahre stellte sich heraus, dass auch bei der Herstellung gebrannter Kupferschlacke Dioxin entstanden war. Diese Schlacke fand sich als „Kieselrot“ auf Sportplätzen quer durch die gesamte Republik. Tausende Tennisplätze und Fußballfelder mussten aufwändig saniert werden.

Durch jahrelange Schlamperei wurde die Umgebung des Dortmunder Kanalhafens hoher Belastung durch PCB und andere Dioxine ausgesetzt, was leider erst 2009 ans Licht kam.

Information statt Panikmache

Nun ist es natürlich ein Unterschied, ob jemand eine volle Dosis (wie in Seveso oder Vietnam) abbekommt, oder viele geringe Dosen – denn das belastete Fett aus der Biodiesel-Produktion wurde ja auf dreitausend Tonnen Tierfutter gestreckt, dieses an viele verschiedene Hühner verfüttert und diese haben jeweils hunderte Eier gelegt. Und diese wurden dann oft noch in Lebensmitteln weiter verarbeitet. Die einzelne Dosis Dioxine ist also mit jeder dieser Etappen geringer geworden.

Leider aber reichern sich Dioxine langfristig im menschlichen Körper an. Er kann sie nämlich nur schwer chemisch abbauen, da sie etwa so stabil sind wie eine Plastiktüte (auch ein Produkt aus Kohlenwasserstoffen). Deshalb ist ja auch die industrielle Beseitigung von Dioxinen ein großes Problem: Diese chemischen Verbindungen aufzuknacken ist energie- und kostenintensiv und bringt auf der Habenseite wenig wirklich Verwertbares ein.

Dennoch ist blinde Panik in diesen Tagen völlig unangebracht. Denn so bitter es klingen mag: Im Grunde genommen sind wir alle längst verseucht. Jeder Mensch hat Dioxine im Körper, durch die Luft, durch Zigarettenqualm, durch die Nahrung oder durch seinen Beruf. Und da jeder Organismus auf Schadstoffe anders reagiert, muss deshalb längst nicht jeder irgendwann Krebs haben. Abgesehen davon, ist ohnehin niemand unsterblich. Das Beste, was wir als Verbraucher tun können, ist Ruhe zu bewahren und einmal nachzufragen, wo unsere Eier, unsere Brathähnchen und deren Futter genau herkommen.

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