Der Solnhofener Plattenkalk – Die Heimat des Archaeopteryx

Die Altmühlalb ist ein El Dorado für Fossiliensammler. Denn aus den dortigen Kalksteinen des Oberen Jura stammen faszinierende Versteinerungen.

In den Steinbrüchen zwischen Solnhofen, Eichstätt und Kelheim dominieren helle Farben. Die Firmen bauen hellgraue bis gelbbraune Kalksteine ab. Die gleichmäßig dicken Schichten haben schon die Römer in ihren Bauten als Bodenbelag oder Wandverkleidung benutzt. Während der Renaissance verschiffte man die Platten bis in die Türkei. Auch heute ist die Beliebtheit der Plattenkalke als Werkstein ungebrochen.

Gruß aus der Urzeit

Die Gesteinsschichten im Altmühltal gestatten einen Blick in die Welt des Oberen Jura. In dieser Zeit von vor 150 Millionen Jahren sah die Erde im Vergleich mit heute ganz anders aus. Bayern lag unter tropischer Sonne und war Teil eines sich von Osten nach Westen erstreckenden Ozeans. An der Nordküste dieses „Tethys“ genannten Urmittelmeeres wuchsen Riffe wie Perlen auf einer Schnur. Sie gliederten den bis dahin flachen Meeresboden. Dadurch schufen sie verschiedene Lebens- und Ablagerungsräume. Aus diesem Grund kommen im Gebiet der südlichen Frankenalb viele verschieden Gesteine aus dieser Zeit vor.

Kalkschlamm und Algen

Die Entstehungsgebiete der Plattenkalke lagen in den flachen Meeresbecken zwischen den Riffen. Hier sammelte sich feiner Kalkschlamm. Das warme Meereswasser enthielt große Mengen gelöstes Kalziumkarbonat. Durch die Photosythese verschiedener mikroskopisch kleiner Algen bildeten sich winzige Kalkpartikel und sanken zu Boden. Von den Riffen am Rande der Wannen trugen Strömungen Schuttmassen heran. Die Abschottung der Lagunen gegen das offene Meer schränkte das Leben am Boden stark ein. Das Wasser am Grunde der Lagunen enthielt vermutlich nicht mehr genug Sauerstoff, um dort ein Bodenleben zuzulassen. Die feine Schichtung der Kalke blieb so erhalten. An der Oberfläche wurden die Kalkschlämme schnell fest. Daher sind die Plattenkalke heute so gut spaltbar.

Flinze und Fäulen

Neben der ruhigen Sedimentation der feinen Schichten schossen von Zeit zu Zeit auch Schlammlawinen von den Beckenrändern hinab. Waren die untermeerischen Ränder zu steil, verloren die schon abgelagerten Sedimente ihren Halt und gerieten ins Rutschen. Die so gebildeten Horizonte sind als die „Krummen Lagen“ bekannt. In den Plattenkalken selber kommen Schichten mit unterschiedlichen Kalkgehalten vor. Sie wechseln sich in unregelmäßigen Abständen ab. Die gut spaltbaren, zwischen wenigen Millimetern und mehreren Dezimetern dicken Schichten sind die Flinze. Sie bestehen aus bis zu 98 Prozent Kalziumkarbonat. Die dicken, homogenen und sehr harten Platten wurden als Lithographiesteine im 18. Jahrhundert ein Exportschlager. Ihre Produktion belebte die Abbautätigkeit der Steinbrüche enorm. Zwischen den Flinzen liegen Schichten mit 80 bis 90 Prozent Gehalt an Kalziumkarbonat. Sie werden Fäulen genannt. Sie sind nicht so fest wie die Flinze und bröseln leicht auseinander. Auch sind die Lagen meist nicht allzu dick.

Vielfältiges Leben

Berühmt sind die Plattenkalke von Solnhofen durch ihre vorzüglich erhaltenen Fossilien. Der feine Kalkschlamm hat jedes Detail der Tiere konserviert. Sank etwa ein gestorbener Fisch oder ein Insekt auf den Meeresboden, dann blieb es auf der zähen, klebrigen Oberfläche liegen. Schnell umhüllte es ein Mantel aus feinkörnigen Kalkpartikeln. Kein Aasfresser konnte diesen Panzer mehr durchbrechen. Nach und nach lagerten sich weitere Schichten ab und erhielten das Tier. Über 700 verschiedene Arten haben die Wissenschaftler bis heute nachgewiesen. Der Großteil machen dabei Lebewesen des freien Wassers wie Fische, freischwimmende Seelilien oder Ammoniten aus. An den Rändern der Lagunen mischen sich auch Pflanzenreste und landlebende Tiere in den Fossilbericht. In den Gebieten, die an den Riffen und in der Nähe des Urmittelmeeres lagen, sind deren Einflüsse deutlich merkbar.

Die Menge macht es

Durch die Jahrhunderte lange Steinbruchstätigkeit haben sich in den Museen eine Vielzahl an Fossilien angesammelt. Doch der Schein trügt. Die Schichten sind als fossilarm bekannt. Doch der Besucher des Altmühltals sollte sich davon nicht schrecken lassen und in den „Hobbysteinbrüchen“ sein Glück versuchen. Kleinere Stücke findet man immer. Dazu gehören die freischwimmende Seelilie Saccocoma oder der Fisch Leptolepis. Auch die Ausscheidungen von Ammoniten, Lumbricaria genannt, gehören zu den nicht so seltenen Funden. Wirklich selten sind die Fossilien, denen der Solnhofener Plattenkalk seinen Ruf bei den Fossiliensammlern verdankt. Zu allererst sei dabei der Urvogel Archaeopteryx lithographica genannt. Seit 1861 sind Überreste von zehn dieser Lebewesen in den Kalken gefunden worden. Noch seltener sind die Funde eines nahen Verwandten der Urvögel. Von dem Raubsaurier Compsognathus longipes ist bis heute nur ein einziges Exemplar entdeckt worden. Andere Saurier sind da schon häufiger zu Gast in und an den Lagunen gewesen. Von den Flugsauriern Ramphorhynchus oder Pterodactylus sind gut 60 Exemplare in den Sammlungen zu besichtigen. Besonders auffallende Tiere bekommen von den Steinbrucharbeitern schon einmal einen Spitznamen. Bestes Beispiel ist ein kleiner, etwa zwanzig Zentimeter lang werdender Krebs mit einem langen ersten Beinpaar. Der Meccochirus longimanatus ist als „Schnorgackel“ bekannt.

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