Autismus – Wird ein Fluch zum Segen?

Was heute noch die Ursache für Ausgrenzung und Diskriminierung autistischer Menschen ist, könnte für manche Betroffene zukünftig ein Vorteil sein.

Autismus ist laut Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine tiefgreifende Entwicklungsstörung des Gehirns. Neuerdings wird der Begriff „Störung“ jedoch zunehmend vermieden und durch „Neurodiversität“ ersetzt. Damit soll der Tatsache Rechnung getragen werden, dass der Autismus keine Krankheit wie Schizophrenie oder Psychose darstellt. Wie die Linkshändigkeit ist der Autismus eine angeborene Eigenschaft des betroffenen Menschen. Sein Hauptmerkmal ist ein von der Norm abweichender Modus bei der Verarbeitung von Information im Gehirn.

Autistische Menschen werden von der rechten Hirnhälfte dominiert

Alle durch die Sinnesorgane wahrgenommenen Informationen werden in das Gehirn weitergeleitet und dort verarbeitet. Erst dort entstehen unsere Eindrücke von der Welt und von unseren Mitmenschen. Die rechte und die linke Hirnhälfte nehmen dabei unterschiedliche Aufgaben wahr. Bis zum Alter von 18 Monaten werden die Sinneswahrnehmungen eines Kindes ausschließlich von der rechten Hirnhemisphäre verarbeitet. Anschließend gewinnt die linke Hirnhälfte zunehmend an Bedeutung. Urteilsvermögen und logisches Denken haben dort ihren Sitz.

Bei einer autistischen Person hingegen laufen alle Verarbeitungsprozesse auch weiterhin in der rechten Hirnhemisphäre ab. Eine Entlastung durch die linke Hirnhälfte findet kaum statt. Die zahlreichen zur gleichen Zeit ablaufenden Verarbeitungen von Sinneswahrnehmungen in nur einer Hirnhemisphäre führen dazu, dass die betroffenen Personen anders denken als neuronormale Menschen. Sie benötigen auch wesentlich mehr Zeit, um all die Sinneseindrücke, die in ihre rechte Gehirnhälfte drängen, zu ordnen, zu bewerten und zu verarbeiten. Autistische Kinder hinken deshalb in ihrer Entwicklung meist ein Jahr hinter ihren neuronormalen Altersgenossen hinterher.

Wie kommt es zu diesem Engpass im Gehirn und der daraus resultierenden langsameren Gangart?

Die Monotropismus-Hypothese

Nach der nicht-medizinischen, von autistischen Personen im Jahr 2005 entwickelten Monotropismus-Hypothese [mono = allein, einzeln; Tropismus = durch äußere Reize bestimmte gerichtete Bewegung] ist ein sogenannter „Aufmerksamkeitstunnel“ die Ursache sowohl der kognitiven Schwächen als auch der Stärken von Autisten. Da die rechte Hirnhälfte ständig von Reizen überflutet wird, aber nicht weiß, welche Information sie zuerst verarbeiten soll, existiert eine Abschaltfunktion als Selbstschutz vor Reizüberflutung.

Während der neuronormale Mensch seine Umwelt durch gleichzeitige Nutzung aller Sinneskanäle simultan wahrnimmt, muss sich die autistische Person sehr stark auf e i n e n Reiz oder e i n Interesse konzentrieren, da die unterschiedlichen Informationen in ihrem Kopf sonst durcheinander geraten. Die Situation ist gut vergleichbar mit zwei Personen in einer dunklen Umgebung, von denen sich die eine – die neuronormale Person – einer Taschenlampe, die andere – autistische Person – aber eines Laserpointers zur Orientierung bedient.

Vermag die autistische Person die anderen Reize nicht auszublenden, entsteht starker StressDenkblockaden, ritualisierte Handlungen oder andere, der Situation nicht immer angemessene Reaktionen können die Folge sein. Der Aufmerksamkeitstunnel stellt zudem ein Handycap beim gleichzeitigen Erledigen verschiedener Aufgaben dar (Multitasking).

Autisten nehmen die Welt anders wahr

Für neuronormale Menschen ist logisches Denken in kausal verknüpften Schritten eine Selbstverständlichkeit: Aktion A löst Reaktion B aus, die wiederum ein Ereignis C zur Folge hat usw. Menschen im Autismusspektrum denken hingegen eher ganzheitlich. Vernetztes Denken ist jedoch nur schwer in Worte zu fassen. Darin liegt auch die Schwierigkeit begründet, den Autismus als Phänomen zu beschreiben oder ihn zu verstehen.

Nach neuester Auffassung haben Autisten keine gestörte, sondern einfach eine von den neuronormalen Menschen verschiedene Wahrnehmung. Leider trennt sie in ihren unterschiedlichen Arten, die Welt wahrzunehmen, ein schier unüberwindlicher Graben. Überall werden Autisten aus Unkenntnis über ihr Anderssein beruflich und gesellschaftlich an den Rand gedrängt und sind zahlreichen Diskriminierungen und Benachteiligungen ausgesetzt. Nur wenigen (meist Menschen mit Asperger-Syndrom oder Hochfunktionalem Autismus) gelingt es, ihre Probleme so gut zu kompensieren, dass ihr Anderssein im Alltag nicht mehr auffällt. Eine hervorragende Möglichkeit, am Arbeitsleben und somit an der Gesellschaft als akzeptierte, vollwertige Mitglieder teilzuhaben, bietet autistischen Menschen möglicherweise das Internet.

Bietet das Internet zukünftig eine Art Selektionsvorteil für Autisten?

So gewagt diese These auch sein mag, sie könnte zutreffend sein. Das Internet besteht aus den Rechenleistungen von Abermillionen von Computern, die wie die Nervenzellen des Gehirns ein komplexes Netzwerk bilden. Das Internet, auch als „world wide web“ bezeichnet, weist eine interessante, funktionelle Parallele zur rechten Gehirnhemisphäre auf. Zufall?

Die überwiegende Mehrheit dieser Rechner arbeitet unter der Regie einer ganz bestimmten Computersoftware. Deren geistiger Vater, Bill Gates, zeigt eindeutig autistische Züge. So wäre es nicht verwunderlich, dass seine Software nach den gleichen autistischen Denkprinzipien funktioniert, die auch sein Gehirn dominieren. Lässt sich so die bemerkenswerte Vorliebe vieler Autisten für eine Tätigkeit am Computer erklären?

Es erscheint durchaus möglich, dass das im Internet herrschende Chaos, das neuronormale Personen zur Verzweiflung treiben kann, ein Abbild des Durcheinanders und der Konfusion im Kopf eines autistischen Menschen darstellt. Das würde das große Interesse erklären, das Menschen im Autismusspektrum diesem Medium bereits in jungen Jahren entgegenbringen.

Wird das Internetzeitalter das Zeitalter der Autisten?

Bereits zu Beginn der 1970er Jahre wurde u.a. von dem Chemiker Frederic Vester auf die katastrophalen Folgen rein kausalen Denkens auf die Ökosysteme der Erde hingewiesen. Anhand ausgefeilter Sensitivitätsmodelle führte er vor Augen, wie lineares Denken zu Raubbau an den irdischen Ressourcen und zur Zerstörung der Lebensgrundlagen für Mensch und Tier führt. Vester, der 1993 in den Club of Rome aufgenommen wurde, propagierte das vernetzte Denken, das letztendlich zu mehr Systemverständnis führen soll.

Seither hat sich unsere Welt zu einem ökonomisch und ökologisch hochvernetzten Gemeinwesen entwickelt, das in immer stärkerem Maße durch das Internet gesteuert und manipuliert wird. Ein vernetztes, ganzheitliches, von der rechten Hirnhemisphäre bestimmtes Denken, könnte also zukünftig durchaus nicht nur mehr akzeptiert, sondern sogar dringend gebraucht werden. Wenn der Autismus Teil der Biodiversität [= biologische Vielfalt] ist, dann könnte er in der weiteren Entwicklung der Menschheit zu einem Selektionsvorteil werden. Möglich wird dies jedoch nur sein, wenn sich neuronormale und autistische Menschen gegenseitig respektieren, ihr jeweiliges Anderssein akzeptieren und ihre spezifischen Fähigkeiten einander ergänzend einsetzen.

Autisten? Autisten!

Heute ist der Forschung bereits eine ganze Reihe von prominenten Personen bekannt, die als Autisten diagnostiziert wurden oder als solche angesehen werden:

  • Daryl Hannah
  • Bill Gates
  • Glen Gould
  • Ludwig Wittgenstein
  • Steven Spielberg
  • Stephen Hawking
  • Vincent van Gogh
  • Clara Schumann
  • Charles Darwin
  • Thomas Jefferson
  • Isaac Newton
  • Albert Einstein

Who’s next…?

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