Hilft Schüßler Salz Nr. 3 Ferrum phosphoricum gegen Durchfall?

Nach BBD hilft Ferrum phosphoricum D12 als Tablette bei klassischen Darmentzündungen wie Diarrhoe oder Durchfall: Entspricht das dem medizinischen Wissen?

Brechen klassische Magen-Darm-Erkrankungen aus, infizieren klassischerweise Noroviren, Rotaviren oder EHEC-Bakterien unsere Darmschleimhaut und führen zu einer Entzündung des Magens (Gastritis) und des Dünndarms (Enteritis): Dann kommt es bei uns Menschen zu klassischen Symptomen wie krampfartigen Bauchschmerzen, wässrigen Durchfall, Erbrechen und Übelkeit. Nach der österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) gelten Noroviren „als die häufigste Ursache für Ausbrüche von Gastroenteritis in Gemeinschaftseinrichtungen“ wie Kinderheimen, Krankenhäusern oder Schulen – was empfehlen der Biochemische Bund Deutschlands (BBD) und homöopathische Ärzte gegen unsere Durchfallausbrüche?

BBD empfiehlt Ferrum phosphoricum – homöopathische Ärzte empfehlen Elektrolyt-Zucker-Lösung

Nach der Broschüre „Dr. Schüßlers Biochemie“ empfiehlt der BBD gegen Darmkatarrh oder Durchfall als „Anfangsmittel“ das „klassische Entzündungsmittel“ Schüßler Salz Nr. 3 Ferrum phosphoricum und bei Durchfall mit Bauchkrämpfen das Schüßler Salz Nr. 7 Magnesium phosphoricum: Alle 15 Minuten soll man eine Tablette Ferrum phosphoricum D12 einnehmen. Allerdings gibt der BBD „keine Anweisung zur Behandlung von Krankheiten“, da man doch lieber „die Krankenbehandlung dem erfahrenen naturheilkundlich behandelnden Arzt oder Heilpraktiker“ überlassen soll. Eine homöopathisch bewanderte Assistenzärztin ist zum Beispiel Stefanie Schetzek, sie empfiehlt 2008 auf dem „7. Internationalen Symposium Homöopathie in Klinik, Praxis und Forschung“ für die Gastroenteritis im Kindesalter als Anfangsmittel „orale, notfalls intravenöse Rehydratation“ sowie eine „begleitende homöopathische Therapie“ – zum Beispiel mit Aloe socotrina, Arsenicum album oder Podophyllum.

Homöopathische Ärzte empfehlen Kaliumchlorid, Natriumchlorid und Glukose

Homöopathische Ärzte empfehlen wie die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) als „Anfangsmittel“ gegen den Mineralstoffverlust durch Durchfall und Erbrechen eine orale Rehydratationslösung (ORL): Diese ORL bestehen aus essentiellen Elektrolyten wie Kaliumchlorid und Natriumchlorid plus Glukose: Um den gestörten Flüssigkeits- und Elektrolythaushalt besser ausgleichen zu können, ist in ORL auch Traubenzucker (Glukose) vorhanden, da Natrium und Glukose bekanntlich im Darm durch den Natrium-abhängigen Glukosetransporter 1 (SGLT1) aufgenommen werden. Selbst Tierärzte geben ihren an Durchfall erkrankten Kälbern grammweise Elektrolyte in die orale Rehydratationstränke (ORT) – dagegen gibt sich der Biochemische Bund Deutschlands tablettenweise Ferrum phosphoricum D12.

Der BBD empfiehlt absurde Mengen an Ferrum phosphoricum D12

Das „große Abenteuer der Heilung und Wiedergesundung“ liegt laut BBD in einem Salz der Phosphorsäure (Lebensmittelzusatzstoff E 338), wobei Schüßler Salz Nr. 3 „Ferrum phosphoricum“ auch als Eisenphosphat bekannt ist. In einer typischen 250 Milligramm schweren homöopathischen Tablette der Stufe D12 sind nach den Decimalpotenzen in einer Tablette 0,00000000025 Milligramm Ferrum phosphoricum enthalten. Damit wollte der Arzt Dr. med. Wilhelm Heinrich Schüßler Störungen des menschlichen Organismus „direct“ ausgleichen. Ein toller Gedanke, da jeder Mensch mit der Nahrung täglich über 10 Milligramm Eisen aufnimmt (siehe Grafik), und sich mit Lebensmitteln täglich über 1.000 Milligramm Phosphor einverleibt. Für die Heilung unserer entzündeten Darmzellen sind die minimalen Mengen an Eisen- und Phosphat-Ionen maximal ineffektiv – 10 Milligramm Eisenphosphat entspricht 4 Milliarden Schüßler-Salztabletten Ferrum phosphoricum D 12. Aus heutiger Sicht entspricht die Behandlung des Durchfalls mit Ferrum phosphoricum weder dem Wissen medizinischer Leitlinien, noch dem medizinischen Wissen unserer homöopathischen Ärzte.

Entsprach „Dr. Schüßlers Biochemie“ jemals dem medizinischen Wissen?

Schon 1856 war die Verwendung oraler Rehydratationslösungen (ORL) als „Anfangsmittel“ vom Prinzip her bekannt. Zwei Jahrzehnte bevor Wilhelm Heinrich Schüßler seine Schrift „Eine Abgekürzte Therapie“ verfasste, schrieb Prof. Dr. Wilhelm Griesinger aus Tübingen in einem medizinischen Lehrbuch: „Reichliches, d. h. sehr oft wiederholtes, aber in kleinen Einzelmengen geschehendes Trinken wässriger Flüssigkeiten, passend mit einem Zusatz von Natronverbindungen, (Selterwasser, Brausepulver, sehr kleine Mengen Kochsalz), ist das einfachste Verfahren“. Damals grassierte die Durchfallerkrankung Cholera in Deutschland, aus den therapeutischen Erfahrungen gegen die Cholera-Epidemie entwickelten unsere Ärzte die heute verwendeten ORLs – seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts ist die Cholera dank ORL-Rehydration keine tödliche Krankheit mehr. Entweder kannte Dr. Schüßler nicht einmal die Lehrbücher seiner Zeit, oder er entwickelte mit „Dr. Schüßlers Biochemie“ einen zeitlosen biochemikalischen Durchfall-Reinfall.

Für Schüßler-Salze gibt es keinen Wirksamkeitsnachweis

Nach dem deutschen Arzneimittelgesetz (AMG) dürfen Schüßler-Salze ohne Wirksamkeitsnachweis verkauft werden: Da bisher in klinischen Studien keine therapeutische Wirkung gezeigt werden konnte, gilt hier vor allem der schüßlersche Glaubensbeweis: „Wer heilt hat Recht“. So glauben dann die Schüßleranhänger daran, dass sie sich oder andere mit Schüßler Salzen zum Beispiel gegen Norovirus-Durchfall geheilt haben. Die Symptome der selbstlimitierenden Norovirus-Erkrankung enden aber meist nach 12 bis 72 Stunden ganz spontan von selbst – nur etwa ein Prozent aller Norovirus-Fälle verlaufen tödlich. Mangels therapeutischen Wirksamkeitsnachweises stellte Stiftung Warentest fest: „Biochemie nach Schüßler ist zur Behandlung von Krankheiten nicht geeignet.“ Der Arzt und Phamakologe Gustav Wilhelm Franz Kuschinsky soll einmal gesagt haben: „Ein Arzneimittel, das keine Nebenwirkungen hat, hat oft überhaupt keine Wirkung“ – glücklicherweise zeigen Schüßler Salze keine Nebenwirkungen wie die Natriumchlorit-Quacksalberei mit Miracle Mineral Supplement.

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